WeChat: Chinas Rundum-App fürs Leben

Am 21. Januar 2017 hat sie ihren sechsten Geburtstag gefeiert. Sie zählt bereits 850 Millionen aktive Nutzer pro Monat, fast drei Mal so viele wie die USA Einwohner haben. WeChat, das in China als “Weixin” bekannt ist – und dem chinesischen Internet-Giganten Tencent gehört – hat sich vom beliebtesten Kurznachrichten-Dienst in eine Super-App verwandelt, die man getrost als die meistbefahrene digitale Autobahn auf dem Planeten bezeichnen kann.

94 Prozent ihrer Nutzer loggen sich jeden Tag ein. Für sie ist WeChat weitaus mehr als nur eine soziale Plattform. Die App ist für sie zu einem Way of Life geworden. Auf WeChat können sie sich vernetzen, etwas zusammen unternehmen, einkaufen gehen, gefüllte Mehlklößchen bestellen, sich im Krankenhaus anmelden, oder einfach nur Rechnungen bezahlen. Bei WeChat kann man etwas zu essen bestellen, Hotelzimmer reservieren, Informationen suchen und Markenprodukte kaufen.

Mit seinem populären “Wallet” – das auch mit den Apps von externen Anbietern vernetzt ist – ist Bezahlen ein Kinderspiel. Dank dieser Bezahlfunktion hat WeChat technisch gesehen Kreditkarten in China nahezu überflüssig gemacht. Der Dienst illustriert, wie China die Zukunft des mobilen Internets beeinflusst. In China wird die Hälfte aller Internetverkäufe über Mobilgeräte abgewickelt. Und mehr als ein Drittel der gesamten Zeit, die Chinesen im mobilen Net zubringen, sind sie auf WeChat unterwegs.

Mehr Telefonate als bei den Telekom-Gesellschaften

Ende 2016 überholte WeChat bei den Telefonaten erstmals die chinesischen Telekomanbieter. Und auf WeChat werden inzwischen mehr Bezahlvorgänge registriert als bei Paypal. WeChat hat sich zu einem alles umfassenden Browser für mobile Webseiten entwickelt. Einzelhändler, Banken und Modemarken strömen zu der riesigen Plattform, die “qz”, eine Nachrichtenseite für die Wirtschaftswelt, als “Schweizer Messer für Smartphones” bezeichnet hat. Durch sein rasantes Wachstum und seine enorme Reichweite ist WeChat zweifellos zum „wichtigsten Kanal für Marketingleute in China“ geworden.

EnergyUnd wegen seiner Beliebtheit unter jungen Berufstätigen wird WeChat auch als ein Muss für berufliche Kommunikation betrachtet. Im Jahr 2016 haben die Nutzer auf der Plattform täglich über 100 Millionen Mal telefoniert, oder Videos ausgetauscht. Das enorme Wachstum der Mega-App wird angetrieben von der Einführung schneller 4G-Netzwerke, der Ausbreitung mobile Kommunikation und der expandierenden Mittelschicht im Land.

Luxury Daily, eine Top-Publikation für Luxusartikel, hat WeChat zur “führenden Plattform der chinesischen Konsumenten für fast alles im Leben“ erklärt. Kein Wunder also, dass Werbung auf WeChat inzwischen effektiver ist als im Fernsehen. Spots im Fernsehen lösen 26 Prozent weniger Reaktionen aus als auf WeChat, heißt es in der Luxury Daily, und einflussreiche Kommunikatoren (“Influencer”) in den sozialen Medien sind demnach auf WeChat fixiert, weil ihre Kampagnen dort vier Mal so viele Besucher bekommen wie Kampagnen, die direkt von einer Marke ausgehen.

Marken, die auf WeChat nicht präsent sind, können Schaden erleiden

Fast alle Schönheitsmarken sowie neun von zehn Schmuckmarken kommunizieren in China mit den Konsumenten via WeChat. Nicht auf der Plattform präsent zu sein, schadet dem Erfolg einer Marke in China.

WeChat ist sehr innovativ, wenn es darum geht, seine Expansion voran zu treiben. Mit den kürzlich angekündigten „Mini-Apps“ wird der Dienst die App-Industrie revolutionieren, weil die Nutzer Apps auf der Plattform nicht mehr eigens installieren müssen. WeChat will alle anderen Apps auf den Smartphones seiner Nutzer ersetzen und es den Usern ermöglichen, alles was sie vorhaben, auf der Plattform zu erledigen. Laut der Financial Times wird WeChat dank der Mini-Apps „die erste große Plattform werden, die eine Alternative zum App-Store von Apple anbietet.“

Jeden Monat 28 „Rote Umschläge“

Die Hälfte aller User verbringt täglich mehr als 90 Minuten auf der Plattform. Ein typischer WeChat-Nutzer wird von der Muttergesellschaft Tencent als Mensch in seinen 20er oder 30er Jahren beschrieben. Diese telefonieren jeden Monat 65 Minuten lang mit Hilfe von WeChat. Die Millennials (Jahrtausender, oder Generation Y) machen auf WeChat 65 Prozent aller Nutzer aus, aber 80 Prozent aller Kurznachrichten. Jeder Nutzer verschickt im Schnitt pro Tag 74 Botschaften, geht 5.900 Schritte und verschickt jeden Monat 28 “Rote Umschläge.”

Der Nutzen, den WeChat seinen Teilnehmern stiftet, liegt auf der Hand. Sie können sich innerhalb einer einzigen Plattform bewegen und dennoch alles erledigen. Sie segeln quasi in ihrem eigenen Kosmos, der so etwas wie ein eigenes Betriebssystem darstellt. Firmen und Marken können auf diesem Dienst effektiv über ihr offizielles WeChat-Konto mit den Konsumenten kommunizieren, Inhalte mitteilen und ihre Kunden auf allen Abschnitten ihrer digitalen Reise begleiten. Eine Studie hat kürzlich ergeben, dass über 52 Prozent der Internet-Teilnehmer in China Firmen-Profile auf WeChat ansteuern, um sich die neuesten Informationen anzuschauen. Ende 2016 gab es über 12 Millionen solcher offiziellen Profile. Das war eine Zunahme von fast 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Wertvolle “Momente” für Marken

In der zweiten Jahreshälfte 2015 öffnete die Plattform ihr “WeChat-Moments-Programm” für alle Werbetreibenden. Das Ziel ist, Marken einen direkten Zugang zu den gewünschten Zielgruppen, je nach Ort, Interessen, Alter, Geschlecht, Gerät oder Netzwerk in Peking, Shanghai und 35 führenden Städten der ersten und zweiten Reihe zu ermöglichen. Werbekunden, die das Angebot von „Moments“ nutzen, können den Markennamen, ein Profilbild, Text bis zu 40 Zeichen und einen Link zu einer html5-Webseite mit bis zu sechs Bildern sehen. 2017 will WeChat auch selbst eingestellte Werbung erlauben.

Digitale Erfolgs-Stories auf WeChat

Deutsche Firmen scheinen ihre Präsenz auf WeChat zu schätzen. 2016 startete die Modemarke Hugo Boss eine virtuelle Shopping-Aktion auf WeChat, die “Your Time to Shine” genannt wurde. Das Unternehmen präsentierte „Bossbots“ genannte Markenbotschafter und lud die Nutzer ein, eine virtuelle Hugo-Boss-Boutique zu erkunden. Mit dem Aufstöbern der Bossbots konnte nach und nach die Kollektion ausgekundschaftet werden.

Starbucks hat in China eine strategische Partnerschaft mit WeChat begonnen, um seinen Umsatz im Land zu steigern. Die US-Kaffeehauskette ermöglicht es Kunden, Gutscheine an Freunde zu verschenken, oder mit WeChat Pay in einem der 2.500 Starbucks-Restaurants in China zu bezahlen. Starbucks will seine Verkaufserlöse in China in den kommenden fünf Jahren verdreifachen. Es zielt mit seiner Kampagne auf junge Kunden im Alter von 18 bis 35 Jahren, also die größte Nutzergruppe auf WeChat. Starbucks-CEO Howard Schultz erwartet, dass die Gewinne des Unternehmens in China diejenigen in den USA in absehbarer Zeit überflügeln.

Der französische Modekonzern Christian Dior hat kürzlich seinen Followern auf WeChat den Kauf einer Handtasche mit limitierter Auflage angeboten. Dadurch ist Dior laut der Luxury Daily die erste Luxusmarke geworden, die “eine Edel-Handtasche durch diese App verkauft hat.”

Anfang 2015 schaltete BMW die erste Anzeige, die in der WeChat-Moments-Sektion erschien. Laut einem BMW-Sprecher erreichte die Kampagne in den ersten 17 Stunden 46 Millionen WeChat-Nutzer. Und sieben Millionen von ihnen haben auf die Anzeige reagiert. Außerdem registrierte BMW in dieser Zeit 200.000 zusätzliche Follower auf seiner offiziellen WeChat-Seite. Es gab Proteste im Land, weil viele Chinesen unbedingt auch von dieser erfolgreichen Zielgruppen-Kampagne adressiert worden wären.

Sources and Links:

https://qz.com/880926/wechat-is-morphing-so-chinese-smartphone-owners-will-never-have-to-download-an-app-again/

https://www.luxurydaily.com/luxury-brands-flock-to-wechat-for-better-control-over-consumer-interaction-l2/

http://www.thedrum.com/news/2016/02/09/wechat-had-more-mobile-transactions-over-just-chinese-new-year-paypal-had-during

https://www.ft.com/content/d00fb4ee-d645-11e6-944b-e7eb37a6aa8e

http://usa.chinadaily.com.cn/epaper/2016-12/29/content_27812805.htm

http://www.chinadaily.com.cn/business/tech/2016-12/29/content_27807451.htm

https://www.youtube.com/watch?v=sk0c4RMP88s

http://www.chinadaily.com.cn/business/tech/2017-01/10/content_27906217.htm

https://jingdaily.com/hugo-boss-launches-wechat-virtual-shopping-experience/

http://www.enterpriseinnovation.net/article/wechat-honeymoon-period-brands-over-1238961640

http://www.forbes.com/sites/greatspeculations/2016/12/12/heres-how-a-partnership-with-wechat-can-drive-revenues-for-starbucks-in-china/#3a1355b749bc

http://www.sekkeistudio.com/blog/2016/08/the-ultimate-guide-to-wechat-moments-ads/

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