Wie China die globale M&A-Landschaft umpflügt

Die Treiber sind langsameres Wachstum auf dem Heimatmarkt, die Suche nach etablierten Marken in Europa und den USA – inklusive deren Management und Distribution – sowie das neue Wachstumsmodell im Reich der Mitte.

2016 war für Beteiligungen und Übernahmen chinesischer Firmen im Ausland ein Rekordjahr. Die Deals hatten ein Gesamtvolumen von 222 Milliarden Dollar. Das nach Übersee gerichtete Übernahmevolumen schoss um 142 Prozent in die Höhe. Dann bremste Chinas Führung diesen Kapitalabfluss stark, weil sich die Firmen im Reich der Mitte für ihre globale Einkaufstour immer höher verschuldeten. Die Regulierer in Peking und Shanghai zügelten die „irrationale“ (so der offizielle Wortlaut) Aktivität. Das ist der Grund, warum die Beteiligungen und Übernahmen chinesischer Firmen in Übersee Anfang 2017 scharf zurückgingen. Doch ab März und April nahmen sie wieder mit zweistelligen prozentualen Raten zu.

Im historischen Vergleich wurde so das Quartal von April bis Juni 2017 mit 26 Milliarden Dollar, die allein in Europa für M&A-Deals ausgegeben wurden, das mit dem zweitgrößten Volumen. Insgesamt registrierte das erste Halbjahr 2017 aus chinesischer Sicht laut einer EY-Analyse in Europa wegen des schwachen 1. Quartals ein Drittel weniger Deal-Aktivität als im selben Zeitraum des Vorjahres. Laut der Halbjahresbilanz bleibt Deutschland vor Großbritannien und Italien das wichtigste M&A-Ziel der Chinesen in Europa.

Die chinesische M&A-Aktivität richtet sich vor allem auf industrielle Ziele sowie High Tech-Firmen und Finanzdienstleister. Einige Übernahmen haben in jüngster Zeit in Europa und den USA für Aufsehen gesorgt. Unter ihnen sind die Übernahme von Inter Mailand durch Chinas führenden Elektronikhändler Suning Commerce und das 43 Milliarden-Dollar-Gebot für den Schweizer Agrarkonzern Syngenta durch China National Chemical Corp.

Aus deutscher Sicht war einer der prominentesten und umstrittensten Deals die Übernahme des Roboterherstellers Kuka durch den Hausgerätehersteller Midea. Im Verlauf des ersten Halbjahrs 2017 wurde dann auch Chinas Mischkonzern HNA Group größter Aktionär bei der Deutsche Bank – und die Biotest AG wurde vom chinesischen Investor Creat Group übernommen. Übernahmen von deutschen Unternehmen durch chinesische sind ein politisches Thema geworden. Die Bundesregierung hat sich im Juli ein Vetorecht vorbehalten, um künftig zu intervenieren, wenn es um strategisch wichtige Unternehmen geht.

Die massive Zunahme chinesischer M&A-Aktivitäten jenseits der Landesgrenzen hat mehr Gründe als nur langsameres Wachstum auf dem Heimatmarkt sowie die Übernahme von Know How und erfolgreichem Management. Chinesische Firmen können im Ausland so günstig auf Einkaufstour gehen, wie seit 2012 nicht mehr. Laut der Nachrichtenagentur Bloomberg war der durchschnittliche Preis, den sie im Herbst 2016 für ihre Übernahmen bezahlten, 14 Mal so hoch wie das EBITDA. Ein Jahr zuvor mussten chinesische Unternehmen noch das 16fache bezahlen.

Ein weiterer Grund dafür, dass China eine ganz neue globale “M&A-Geografie” kreiert, ist die Politik. Peking forciert langfristig aus strategischen Gründen die sogenannte „going-out-Politik.“ Beteiligungen und Übernahmen jenseits der Landesgrenzen sind für China ein wichtiges Mittel bei dem Versuch, seine Volkswirtschaft umzustellen, von exportgetriebenem Wachstum auf Zuwächse, die hauptsächlich von der IT-Industrie, von Innovationen und vom heimischen Konsum genährt werden. Und dafür werden eigene Marken gebraucht.

Mit der höheren Schlagzahl im internationalen M&A-Geschäft versucht China auch, seinen Privatfirmen, die lange Zeit gegenüber den Staatsunternehmen deutliche Nachteile hatten, bessere Chancen zu verschaffen. Lange Zeit hatten die staatlichen Firmen für China mit M&A-Deals den Zugriff auf Energie und Rohstoffe gesichert. Jetzt geben private Industriefirmen und Dienstleister den Ton an.

Chinesische Unternehmen beginnen nicht nur, westliche Marken auf ihren angestammten Märkten zu attackieren. In einer rasch wachsenden Zahl von Fällen überflügeln sie westliche Marken, die in den äußerst dynamischen Konsummärkten der Schwellenländer nicht den gewünschten Erfolg haben. Der britische Economist berichtete kürzlich von der “Invasion der Flaschen-Diebe.” In dem Beitrag wurde detailliert beschrieben, wie “kleinere Wettbewerber die führenden Marken dieser Welt angreifen.” Das Magazin nannte drei Beispiele, die zeigen, wie lokale Champions in den Schwellenmärkten bis dato unangreifbare Marken-Giganten herausfordern:

“In China zum Beispiel, bestreitet die Yunnan Baiyao Group zehn Prozent des Marktes für Zahnpasta. Die Verkaufserlöse nehmen seit 2004 um jährlich 45 Prozent zu. In Brasilien verkauft Botica Comercial Farmacêutica fast 30 Prozent des Parfüms. Und in Indien hat sich Ghari Industries über 17 Prozent des Marktes für Waschmittel gesichert.“

Was bedeutet das für europäische Markenunternehmen, die in Schwellenmärkte vordringen, oder dort bereits aufgebaute Positionen ausbauen wollen? Die simple, aber beunruhigende Antwort lautet: sie müssen ihre künftigen Konkurrenten in deren Heimatmärkten so früh wie möglich herausfordern und kennenlernen, noch bevor die neuen Champions starke Rivalen werden und auf den westlichen Heimatmärkten angreifen, wo das Wachstum gering ist und die Umsatzperspektiven begrenzt sind.

Quellen für diesen Beitrag:

http://asia.nikkei.com/Business/AC/Acquisitive-China-Inc.-shatters-foreign-M-A-record

http://www.bloomberg.com/news/articles/2016-08-09/china-s-overseas-buying-spree-comes-with-lowest-costs-since-2012

http://knowledge.ckgsb.edu.cn/2016/04/11/mergers-and-acquisitions/chinese-acquisitions-in-the-west-making-a-meal-of-it/

https://www.jpmorgan.com/global/insights/chinas-key-drivers

http://www.chinadaily.com.cn/business/2016-08/11/content_26428172.htm

https://www.atkearney.com/documents/10192/5677643/Creating+More+Value+for+Chinas+M%26A.pdf/f2d8e2ca-9a4e-4135-8ebe-696e5074f8b3

http://www.telegraph.co.uk/business/2016/04/01/chinas-ma-boom-is-forcing-the-heavyweights-to-open-up/

https://www.bcgperspectives.com/content/articles/mergers-acquisitions-globalization-gearing-up-for-new-era-chinas-outbound-m-a/

http://www.economist.com/news/business/21701798-smaller-rivals-are-assaulting-worlds-biggest-brands-invasion-bottle-snatchers

http://www.forbes.com/sites/ralphjennings/2016/07/26/these-3-obscure-smartphone-brands-are-killing-apple-in-china/

http://www.wsj.com/articles/tencent-agrees-to-acquire-clash-of-clans-maker-supercell-1466493612

http://www.nbcnews.com/tech/social-media/facebook-let-emerging-market-companies-sell-through-their-pages-n622126

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